Viloxazin
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Viloxazin
Überblick
Viloxazin ist ein Nicht-Stimulanz-Medikament, das ursprünglich als Antidepressivum entwickelt wurde und seit 2021 in den USA als Extended-Release-Formulierung zur Behandlung von ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zugelassen ist. Es wirkt vor allem über die Hemmung des Norepinephrin-Transporters und erhöht dadurch die Verfügbarkeit von Norepinephrin im präfrontalen Kortex – einem für Aufmerksamkeit und Impulskontrolle zentralen Hirnbereich. Mehrere randomisierte, placebokontrollierte Studien belegen eine signifikante Reduktion der ADHS-Symptome bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, wobei die Verträglichkeit insgesamt als akzeptabel eingestuft wird, häufige Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit, Übelkeit und Fatigue jedoch zu beachten sind. Klinisch relevant ist zudem die Hemmung des Leberenzyms CYP1A2, die den Abbau von Koffein erheblich verlangsamen und dadurch unerwünschte Wechselwirkungen verstärken kann. Offene Fragen betreffen vor allem den Langzeitnutzen im direkten Vergleich mit etablierten Stimulanzien, die optimale Dosisfindung für verschiedene Altersgruppen sowie die klinische Bedeutung des multimodalen Wirkmechanismus jenseits der reinen Norepinephrin-Wiederaufnahmehemmung.
Wirkmechanismus
Viloxazine wirkt über einen multimodalen Mechanismus, der es pharmakologisch von anderen Nicht-Stimulanzien abgrenzt (Chungping et al., 2020). Der primäre Wirkmechanismus besteht in einer moderaten, selektiven Hemmung des Norepinephrin-Transporters (NET), was zu erhöhten extrazellulären Norepinephrin (NE)-Konzentrationen im medialen präfrontalen Kortex (mPFC) führt (García-Olivares et al., 2023; Garcia-Olivares et al., 2024; Maletic et al., 2024; Syed, 2025). Präklinische Mikrodialysestudien an Ratten zeigten, dass Viloxazin NE im mPFC dosisabhängig erhöht (Garcia-Olivares et al., 2024).
Darüber hinaus moduliert Viloxazin das serotonerge System auf eine Weise, die mechanistisch von klassischen SSRIs zu unterscheiden ist (Chungping et al., 2020; Garcia-Olivares et al., 2023). Konkret zeigt Viloxazin selektive antagonistische Aktivität an bestimmten 5-HT-Rezeptoren sowie agonistische Aktivität an anderen 5-HT-Rezeptorsubtypen; die 5-HT7-Rezeptorantagonisierung verminderte dabei Gs-Protein-Signaltransduktion mit einem IC50 von 6,7 µM (Chungping et al., 2020; Garcia-Olivares et al., 2023). Bei klinisch relevanten Plasmakonzentrationen wurden im mPFC signifikant erhöhte 5-HT-Spiegel nachgewiesen, ohne dass der 5-HT-Metabolit 5-HIAA gleichzeitig absank (García-Olivares et al., 2023; Garcia-Olivares et al., 2023). Dieser fehlende 5-HIAA-Abfall belegt, dass der 5-HT-Anstieg nicht über eine Wiederaufnahmehemmung vermittelt wird – ein klarer Unterschied zu SSRIs (García-Olivares et al., 2023). Auch Dopamin (DA) wird im mPFC erhöht, obwohl Viloxazin keine direkte agonistische oder antagonistische Aktivität an den Dopaminrezeptoren D1, D2 und D3 aufweist (Chungping et al., 2020; García-Olivares et al., 2023).
An adrenergen Rezeptoren zeigt Viloxazin lediglich schwache antagonistische Aktivität am ADRβ1 (IC50 = 68 µM, Ki = 6,2 µM) und ADRα1 (IC50 = 93,0 µM, Ki = 10 µM); an anderen ADRα- und ADRβ-Subtypen besteht entweder sehr schwache oder keine relevante Aktivität (Chungping et al., 2020). Ebenfalls nicht signifikant beeinflusst werden Histamin-H1-Rezeptoren sowie muskarinische Acetylcholinrezeptoren M1, M2 und M3, was das günstige Nebenwirkungsprofil im Vergleich zu trizyklischen Antidepressiva erklären dürfte (Chungping et al., 2020).
Aufgrund dieses Gesamtprofils – moderate NET-Hemmung kombiniert mit selektiver 5-HT-Rezeptormodulation – wird Viloxazin als Serotonin-Norepinephrin-Modulierendes Agens (SNMA) klassifiziert, eine Kategorie, die es mechanistisch von reinen Norepinephrin-Wiederaufnahmehemmern abgrenzt (Chungping et al., 2020; Perugi et al., 2022; Maletic et al., 2024). Ob die serotonerge Komponente eigenständig zur ADHS-Symptomreduktion beiträgt, ist nach aktuellem Forschungsstand noch ungeklärt (García-Olivares et al., 2023).
Evidenz bei ADHS
Die klinische Evidenzbasis für Viloxazin ER stützt sich auf mehrere randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Phase-III-Studien (RCTs) mit überwiegend sechswöchiger Laufzeit, eine Meta-Analyse sowie umfangreiche Open-Label-Extension-Studien (OLEs) (Maletic et al., 2024; Wilanowska et al., 2024).
In einem RCT mit 374 randomisierten Erwachsenen (190 Viloxazin ER, 184 Placebo) reduzierte Viloxazin ER den CGI-S-Score am Studienende signifikant stärker als Placebo (LS Mean: −1,4 ± 0,10 vs. −1,0 ± 0,10; p = 0,0023) (Azmi et al., 2022). Diese Überlegenheit war bereits ab Woche 2 statistisch nachweisbar (p = 0,0203) und blieb an allen nachfolgenden Messzeitpunkten erhalten (Azmi et al., 2022). In einem weiteren Phase-III-RCT bei Erwachsenen (6 Wochen, doppelblind, placebokontrolliert) reduzierte Viloxazin ER sowohl die ADHS-Symptome als auch den klinischen Schweregrad signifikant und verbesserte darüber hinaus die Exekutivfunktionen (Syed, 2025).
Eine Meta-Analyse von Childress et al. (2022) mit fünf eingeschlossenen Studien bei Kindern und Jugendlichen bestätigte die Wirksamkeit gegenüber Placebo (Childress & Burton, 2022). Das Bias-Risiko war in vier von fünf Studien niedrig und in einer moderat; keine Studie wurde als hochriskant eingestuft (Childress & Burton, 2022). Die mittlere Dosisstufe (200–400 mg bzw. 6–8 mg/kg) zeigte den optimalen therapeutischen Effekt (Childress & Burton, 2022). Neben den Kernsymptomen Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität/Impulsivität wurden anhand der ADHD-RS-5-Skala auch sechs funktionelle Beeinträchtigungsdomänen erfasst: Familienbeziehungen, Peerbeziehungen, Hausaufgabenerledigung, schulische Leistungen, Verhaltenskontrolle und Selbstwertgefühl (Nasser et al., 2021).
Für Langzeitdaten liegen große OLEs vor: In einer pädiatrischen OLE erhielten 1.100 Kinder und Jugendliche mindestens eine Dosis Viloxazin ER (mittlere Exposition 428 Tage; Median 260 Tage), wobei 58,3 % mindestens sechs Monate, 40,6 % mindestens zwölf Monate und 25,0 % mindestens 24 Monate in Behandlung verblieben (Findling et al., 2025; Nasser et al., 2020). Die OLE-Studie mit einer Laufzeit von bis zu 72 Monaten zeigte anhaltende Symptomverbesserungen ohne neue Sicherheitssignale (Findling et al., 2025; Nasser et al., 2020). In der Erwachsenen-OLE (n = 159, mittlere Exposition 265 ± 254,9 Tage) erreichten Teilnehmer unter Placebo bereits ab Woche 2 nach Umstellung CGI-S-Werte vergleichbar mit der Viloxazin-ER-Kontinuitätsgruppe (Childress et al., 2024). CGI-S-Responderraten von 30,8 % und CGI-I-Responderraten von 48,5 % wurden am Ende der doppelblinden Phase dokumentiert und stiegen während der OLE weiter an (Childress et al., 2024). Patienten mit mindestens dreimonatiger OLE-Behandlung zeigten fortgesetzte Verbesserungen in AISRS-Gesamtscore, CGI-S, BRIEF-A (Exekutivfunktionen) und Lebensqualität (AAQOL) (Childress et al., 2024).
Einschränkend ist festzuhalten: Konkrete standardisierte Effektgrößen (Cohen’s d) und Number-Needed-to-Treat-Werte werden in den verfügbaren Quellen nicht explizit berichtet. Die kurzfristigen RCTs (sechs Wochen) erlauben keine direkten Aussagen zur Langzeitwirksamkeit; Langzeitdaten stammen ausschließlich aus methodisch anfälligeren OLEs. Direkte Vergleichsstudien mit anderen Nicht-Stimulanzien fehlen bislang.
Dosierung
Viloxazin ER ist ausschließlich als Extended-Release-Kapsel zur einmal täglichen oralen Einnahme verfügbar. Die FDA-Zulassung umfasst Kinder ab 6 Jahren (April 2021) sowie Erwachsene (Mai 2022). In klinischen Studien wurden bei Kindern und Jugendlichen drei standardisierte Dosisstufen geprüft: 100 mg, 200 mg und 400 mg täglich. Die Dosis-Wirkungs-Analyse ergab dabei ein glockenförmiges Muster: Die maximale mittlere Symptomreduktion wurde nach Woche 4 erreicht und nahm danach leicht ab. Die stärkste Assoziation zwischen Tagesdosis und Symptomverbesserung lag im Bereich von 6 bis 8 mg/kg/Tag. Höhere Dosen brachten zwar weiterhin Verbesserungen, allerdings mit abnehmendem Zusatznutzen — ein Muster, das dem des ebenfalls nicht-stimulierenden Atomoxetins ähnelt. Die Plasmakonzentration von Viloxazin verhält sich dabei direkt proportional zur eingesetzten Dosis.
Die Titration erfolgt über eine strukturierte Dosisoptimierungsphase. In einer Phase-1-Studie zum Titrationsverlauf wurden Dosisoptimierungsbesuche in den ersten Behandlungswochen durchgeführt. In der pädiatrischen OLE (n = 1100 Kinder und Jugendliche, mittleres Alter 10,8 Jahre) übertrafen die ADHS-RS-IV/5-Scores bereits beim zweiten Titrationsbesuch die am Ende der doppelblinden Phase erzielten Verbesserungen; nach Abschluss der Dosisoptimierung (Monat 3) setzte sich die Symptomreduktion weiter fort. Auch in der Erwachsenen-OLE (n = 159, mittleres Alter 36,3 ± 10,3 Jahre) war der therapeutische Effekt rasch: Verzögert eingestiegene Teilnehmer erreichten bereits ab Woche 2 ähnliche CGI-S-Werte wie jene, die in der doppelblinden Phase bereits Viloxazin ER erhalten hatten. In einer Phase-1-Studie zur Arzneimittelinteraktion wurden bei Erwachsenen 900 mg/Tag eingesetzt, was den oberen klinisch verwendeten Dosisbereich andeutet.
Ein pharmakokinetisch bedeutsamer Befund betrifft die CYP1A2-Hemmung: Viloxazin ER (900 mg/Tag über 4 Tage) erhöhte in einer Phase-1-Studie die systemische Gesamtexposition (AUC) von Koffein um etwa das Fünffache, während der Spitzenspiegel (Cmax) unverändert blieb. Gleichzeitige Koffeinaufnahme erhöhte laut Regressionsanalyse die Wahrscheinlichkeit für insomniebezogene unerwünschte Ereignisse signifikant (p = 0,02), nicht jedoch für andere koffeinassoziierte Nebenwirkungen. Präklinische Mikrodialysestudien verglichen die nach 1, 3, 10 und 30 mg/kg i.p. erreichten Gehirnkonzentrationen mit den ungebundenen Plasmakonzentrationen aus klinisch zugelassenen Dosen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und bestätigten so die klinische Relevanz der Tierdaten. Explizite Angaben zur Halbwertszeit finden sich in den vorliegenden Quellen nicht; die Extended-Release-Formulierung zur Einmalgabe legt jedoch eine für den klinischen Alltag ausreichende Wirkdauer nahe.
Nebenwirkungen
Zu den häufigsten behandlungsbedingten Nebenwirkungen (TEAEs) gehören Schlaflosigkeit, Fatigue, Übelkeit, Kopfschmerzen, verminderter Appetit und Somnolenz, die alle bei ≥5 % der mit Viloxazin ER behandelten Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer auftraten (Nasser et al., 2023). Erbrechen wurde bei 4,7 % der Verumgruppe gegenüber 1,4 % unter Placebo beobachtet, während Gewichtsveränderungen in beide Richtungen selten und in ihrer Häufigkeit zwischen den Gruppen vergleichbar waren (Nasser et al., 2023). Die Abbruchrate aufgrund von Nebenwirkungen betrug in einer Phase-III-Studie 9,0 % unter Viloxazin ER gegenüber 4,9 % unter Placebo; die häufigsten Abbruchgründe waren Fatigue (n=4), Obstipation (n=3), Insomnie (n=3) und Kopfschmerzen (n=2) (Azmi et al., 2022). Eine Metaanalyse bestätigt insgesamt eine niedrige Abbruchrate und ein günstiges Nebenwirkungsprofil (Childress & Burton, 2022).
Hinsichtlich kardiovaskulärer Sicherheit zeigten EKG-Auswertungen, dass lediglich 1,3 % der Viloxazin-ER-behandelten Probanden QTcF-Werte >450 ms, aber ≤480 ms aufwiesen; Exkursionen >60 ms oder Werte >480 ms traten nicht auf (Azmi et al., 2022). Suizidalität wurde mittels der Columbia-Suicide Severity Rating Scale prospektiv erfasst: Zum Baseline-Zeitpunkt berichtete lediglich eine Person (0,5 %) in der Verumgruppe über Suizidgedanken; im Behandlungsverlauf wurden keine neuen Signale identifiziert (Azmi et al., 2022). Eine pharmakovigilanteische Auswertung der WHO-VigiAccess-Datenbank erfasste bis 2024 insgesamt 959 Nebenwirkungsberichte für Viloxazin, wobei Frauen geringfügig häufiger betroffen waren als Männer (Verhältnis 1,24:1) (Wang et al., 2025). Eine Disproportionalitätsanalyse anhand der FAERS-Datenbank ergab, dass Dextroamphetamin verglichen mit Viloxazin ein höheres Risiko für allgemeine Störungen und Reaktionen an der Applikationsstelle aufweist (Wang et al., 2025).
Für die Langzeitsicherheit liegen Daten aus einem offenen Extensionstrial mit n=1.100 Kindern und Jugendlichen vor (mittlere Expositionsdauer 428 Tage; 25,0 % der Teilnehmenden ≥24 Monate unter Behandlung) (Findling et al., 2025; Nasser et al., 2020). Über einen Beobachtungszeitraum von bis zu 72 Monaten wurden keine neuen Sicherheitssignale identifiziert (Findling et al., 2025; Nasser et al., 2020). Analoge Befunde zeigt das Erwachsenen-OLE (n=159, mittlere Exposition 265±254,9 Tage): Art und Häufigkeit der Nebenwirkungen entsprachen dem Muster der doppelblinden Phase-III-Phase, ohne neue Auffälligkeiten (Childress et al., 2024).
Ein besonderes Augenmerk gilt der Wachstumsentwicklung bei Kindern. Analysen ergaben, dass pädiatrische Patientinnen und Patienten unter Viloxazin ER im Mittel normales Gewicht und normale Körpergröße gemäß den CDC-Wachstumskurven beibehielten (Nasser et al., 2023). Im Langzeitextensionstrail wurden gewichts- und wachstumsbezogene Nebenwirkungen bei ≥1 % der Teilnehmenden dokumentiert: verminderter Appetit (5,8 %), Erbrechen (2,7 %), Übelkeit (2,4 %), Gewichtsabnahme (2,3 %) und Gewichtszunahme (2,0 %) (Nasser et al., 2023). Da Viloxazin ER den Cytochrom-P450-1A2-Metabolismus hemmt, steigt bei gleichzeitigem Koffeinkonsum die systemische Koffeinexposition (AUC) auf etwa das Fünffache; die einzige klinisch signifikant erhöhte Nebenwirkungsrate unter dieser Kombination war Insomnie (p=0,02) (Nasser et al., 2023). Laborchemische, hämatologische und urinanalytische Parameter zeigten in Phase-III-Studien keine klinisch relevanten Veränderungen gegenüber Baseline (Azmi et al., 2022). Insgesamt stuft die Evidenzlage aus mehreren Phase-II/III-Studien sowie Langzeitextensionsbeobachtungen das Nebenwirkungsprofil von Viloxazin ER als gut tolerierbar ein (Maletic et al., 2024; Syed, 2025); allerdings fehlen bislang randomisiert-kontrollierte Langzeitdaten jenseits von 72 Monaten sowie direkte Vergleichsstudien gegenüber anderen Nicht-Stimulanzien.
Wechselwirkungen
Die klinisch bedeutsamste Arzneimittelwechselwirkung von Viloxazin ER betrifft die Hemmung des Cytochrom-P450-Isoenzyms CYP1A2, des primär für den Koffein-Abbau verantwortlichen Enzyms (Nasser et al., 2023). In einer Phase-1-Studie stieg die systemische Gesamtexposition (AUC) von Koffein (200 mg) bei gleichzeitiger Einnahme mit Viloxazin ER (900 mg/Tag über 4 Tage) um das Fünffache im Vergleich zur alleinigen Koffeingabe, während die Spitzenkonzentration (C\u2098\u2090\u02e3) unverändert blieb (Nasser et al., 2023). In einer regressionsanalytischen Auswertung klinischer Studien zeigte sich, dass gleichzeitiger Koffeinkonsum die Wahrscheinlichkeit von Insomnie-bezogenen unerwünschten Ereignissen signifikant erhöhte (p = 0,02), nicht jedoch die anderen klassischen Koffein-assoziierten Nebenwirkungen wie Übelkeit, Fatigue, Kopfschmerzen oder verminderten Appetit (Nasser et al., 2023). Die Autoren empfehlen daher, Patienten auf einen moderaten Koffeinkonsum hinzuweisen, ohne diesen kategorisch zu untersagen (Nasser et al., 2023).
Da Viloxazin CYP1A2 hemmt, sind grundsätzlich auch andere über diesen Weg metabolisierte Substrate klinisch relevant — darunter Theophyllin, bestimmte Antipsychotika sowie Duloxetin. Explizite Interaktionsdaten für diese Substanzen sind in den verfügbaren Quellen jedoch nicht ausgewiesen; die Datenlage ist insoweit begrenzt.
Aufgrund seiner serotonerg-modulatorischen Eigenschaften — insbesondere der Antagonisierung von 5-HT\u2087-Rezeptoren und der Erhöhung kortikaler 5-HT-Spiegel über einen von klassischen SSRIs abweichenden Mechanismus (Chungping et al., 2020; García-Olivares et al., 2023) — stellt sich klinisch die Frage nach additivem serotonergen Potenzial bei Kombination mit anderen serotonerg wirksamen Substanzen. Viloxazin erhöht 5-HT-Spiegel im präfrontalen Kortex, ohne dabei den 5-HT-Metaboliten 5-HIAA zu senken, was mechanistisch von einer SSRI-typischen Rücktransportblockade zu unterscheiden ist (García-Olivares et al., 2023; Chungping et al., 2020). Konkrete Inzidenz- oder Fallzahlen zum Serotonin-Syndrom bei Kombination mit SSRIs sind in den vorliegenden Studien nicht berichtet; eine klinische Vorsicht ist dennoch geboten.
Für kardiovaskuläre Wechselwirkungen liegen aus den Phase-III-Studien keine auffälligen Befunde vor: Labor-, Hämatologie- und Urinparameter blieben im Verlauf stabil, und nur 1,3 % der Patienten wiesen QTcF-Werte >450 ms auf (Azmi et al., 2022). Eine Disproportionalitätsanalyse auf Basis der WHO-VigiAccess-Datenbank (959 Viloxazin-Berichte bis 2024) sowie der FAERS-Datenbank (561 Patienten, 1.584 unerwünschte Ereignisse) zeigte, dass Viloxazin im Vergleich zu Dextroamphetamin seltener allgemeine Störungen und Reaktionen an der Applikationsstelle verursacht (Wang et al., 2025). Langzeitdaten aus offenen Verlängerungsstudien über bis zu 72 Monate bei Kindern und Jugendlichen (n = 1.100) ergaben keine neuen Sicherheitssignale (Findling et al., 2025; Nasser et al., 2020).
Zusammenfassend ist die CYP1A2-Hemmung mit konsekutiver Koffein-Exposition-Erhöhung die bislang am besten belegte pharmakologische Interaktion von Viloxazin ER (Nasser et al., 2023). Für weitere potenzielle Interaktionspartner — insbesondere andere CYP1A2-Substrate und serotonerg wirksame Medikamente — fehlen bislang kontrollierte klinische Interaktionsstudien; hier besteht weiterer Forschungsbedarf (Maletic et al., 2024; Wilanowska et al., 2024).
Besondere Patientengruppen
Die umfangreichste Datenlage zu Viloxazin ER betrifft Kinder und Jugendliche, da diese Altersgruppe den primären Zulassungsfokus bildet. In der bislang größten Langzeitstudie, einem offenen Verlängerungstrial, erhielten insgesamt 1.100 pädiatrische Teilnehmer (646 Kinder, 454 Jugendliche) mindestens eine Dosis Viloxazin ER; das mittlere Teilnehmeralter lag bei 10,8 Jahren, 66,5 % waren männlich (Findling et al., 2025; Nasser et al., 2020). Die mittlere Behandlungsdauer betrug 428 Tage (Median 260 Tage; Spanne 1–1.896 Tage); 58,3 % der Teilnehmer blieben mindestens 6 Monate, 40,6 % mindestens 12 Monate und 25,0 % mindestens 24 Monate auf der Behandlung (Findling et al., 2025; Nasser et al., 2020). Über diesen Zeitraum von bis zu 72 Monaten wurden keine neuen Sicherheitssignale beobachtet, und die Symptomverbesserung blieb nachhaltig erhalten (Findling et al., 2025; Nasser et al., 2020).
Ein klinisch relevanter Aspekt bei Kindern betrifft die Auswirkungen auf Wachstum und Gewicht. Da sowohl Stimulanzien als auch Atomoxetin bekannte Warnhinweise zu Wachstumsverzögerungen tragen, wurde dies bei Viloxazin ER gezielt analysiert. Im Mittel hielten pädiatrische Patienten unter Viloxazin ER normales Gewicht und normale Körpergröße gemäß den CDC-Wachstumstabellen aufrecht (Nasser et al., 2023). Dennoch werden wachstumsbezogene unerwünschte Ereignisse berichtet: Im OLE zeigten ≥1 % der Teilnehmer vermindertem Appetit (5,8 %), Erbrechen (2,7 %), Übelkeit (2,4 %), Gewichtsabnahme (2,3 %) sowie Gewichtszunahme (2,0 %) (Nasser et al., 2023). Die FDA-Zulassung empfiehlt daher, das Gewicht vor Therapiebeginn zu erfassen und im Verlauf zu überwachen (Nasser et al., 2023). Da Jugendliche die hauptsächliche Nutzergruppe darstellen, ist das Wachstumsmonitoring besonders in dieser Gruppe klinisch bedeutsam (Wang et al., 2025).
Bei Erwachsenen liegt ebenfalls kontrollierte Evidenz vor. In einem offenen Verlängerungstrial für Erwachsene mit ADHS erhielten 159 Teilnehmer Viloxazin ER; das mittlere Alter betrug 36,3 ± 10,3 Jahre, die Geschlechterverteilung war ausgewogen (Childress et al., 2024). Die mittlere Behandlungsdauer lag bei 265 ± 254,9 Tagen (Median 191 Tage); 50,9 % blieben mindestens 6 Monate in Behandlung, 31,4 % mindestens 12 Monate (Childress et al., 2024). Neben der ADHS-Symptomatik zeigte sich bei Erwachsenen auch eine anhaltende Verbesserung der Exekutivfunktionen und der Lebensqualität (Childress et al., 2024). Signifikante Verbesserungen wurden bereits innerhalb von 2 Wochen nach Therapiebeginn beobachtet (Azmi et al., 2022), was mit einem separaten Phase-III-Review bestätigt wurde (Syed, 2025). Die COVID-19-Pandemie führte zu einem vorübergehenden Einschlussstopp im Erwachsenentrial, was die Generalisierbarkeit einschränkt (Childress et al., 2024).
Hinsichtlich Geschlechtsunterschieden liefern Spontanmelddaten aus der WHO-Datenbank VigiAccess (n = 959 Viloxazin-Berichte, Stand 2024) einen Hinweis: Frauen meldeten unerwünschte Arzneimittelreaktionen in einem Verhältnis von 1,24:1 gegenüber Männern leicht häufiger (Wang et al., 2025). Da diese Daten auf freiwilligen Spontanmeldungen basieren und Unterschiede im Verschreibungsverhalten nicht kontrolliert sind, lassen sie keinen kausalen Schluss zu; Alter, Geschlecht und Vorerkrankungen sollten nach aktueller Empfehlung dennoch bei der Verschreibungsentscheidung berücksichtigt werden (Wang et al., 2025).
Für Patienten mit komorbiden Störungen ist relevant, dass nicht-stimulierende Optionen wie Viloxazin ER bei komorbider Substanzkonsumstörung oder Angststörung bevorzugt werden können, da kein Missbrauchspotenzial besteht und eine mögliche anxiolytische Wirkkomponente diskutiert wird (Williams Ozge et al., 2023). Pharmakodynamische Daten deuten zudem auf ein Potenzial bei komorbider Angst und Depression hin, da Viloxazin sowohl noradrenerge als auch serotonerge Effekte im präfrontalen Kortex entfaltet (Wang et al., 2025; Maletic et al., 2024). Die klinische Evidenz für diese Komorbiditäten bleibt bislang jedoch auf post-hoc- und pharmakologische Beobachtungen beschränkt (Wilanowska et al., 2024). Klinische Daten zur Anwendung bei älteren Patienten (>65 Jahre) sowie in der Schwangerschaft fehlen in den vorliegenden Quellen vollständig; für diese Gruppen kann auf Basis der verfügbaren Studien keine evidenzbasierte Aussage getroffen werden.
Quellen
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