Imipramin
Inhaltsverzeichnis 7 Abschnitte
Imipramin
Überblick
Imipramin ist ein trizyklisches Antidepressivum, das durch die Hemmung der Wiederaufnahme von Noradrenalin und Serotonin im Gehirn wirkt – Botenstoffe, die auch bei ADHS eine zentrale Rolle spielen, weshalb der Wirkstoff als Reservemittel der dritten Wahl bei ADHS diskutiert wird. Die verfügbare Forschungslage ist jedoch ausgesprochen dünn: Belastbare, kontrollierte Studien speziell für ADHS fehlen weitgehend; die vorhandenen Hinweise auf Verhaltensverbesserungen stammen überwiegend aus Nebenbeobachtungen in Enuresis-Studien bei Kindern, in denen Imipramin zu mehr Ruhe und besserer Konzentration führte. Für Dosierung, Nebenwirkungsprofil und Wechselwirkungen im ADHS-Kontext existieren kaum direkte Daten; Rückschlüsse müssen daher aus verwandten trizyklischen Substanzen wie Desipramin gezogen werden, was methodisch nur eingeschränkt zulässig ist. Die wichtigsten offenen Fragen betreffen das optimale Dosierungsregime, die Sicherheit im Vergleich zu besser untersuchten Alternativen sowie die Frage, ob die beobachteten Verhaltenseffekte tatsächlich auf eine ADHS-spezifische Wirkung oder auf unspezifische Sedierung zurückzuführen sind.
Wirkmechanismus
Imipramin gehört zur Klasse der trizyklischen Antidepressiva (TCA) und entfaltet seine Wirkung primär durch die nicht-selektive Hemmung von Monoamin-Wiederaufnahmetransportern an der präsynaptischen Membran. Der Norepinephrin-Transporter (NET) fungiert dabei als zentraler Regulationsmechanismus der noradrenergen Signalübertragung: Er ist im Plasma der noradrenergen Neuronenmembran lokalisiert und nimmt synaptisch freigesetztes Norepinephrin (NE) wieder auf — seine Blockade durch Imipramin erhöht die extrazelluläre NE-Konzentration im synaptischen Spalt (Zhou, 2004). Gleichzeitig hemmt Imipramin den Serotonin-Transporter (SERT), was zu einer erhöhten Verfügbarkeit von 5-HT im synaptischen Spalt führt; Veränderungen in der SERT-Verfügbarkeit sind in mehreren Hirnregionen nachgewiesen worden, darunter der anteriore cinguläre Kortex (John et al., 2024). Das noradrenerge System, dessen Aktivität maßgeblich durch NET-Dichte und -Funktion bestimmt wird, ist funktionell mit integrativen kortikalen Prozessen wie Planung, Aufmerksamkeitsfokussierung und Koordination über segregierte Hirnareale hinweg assoziiert (Hansen et al., 2022).
Auf neurochemischer Ebene zeigt die Forschung, dass chronische Imipramin-Behandlung die mRNA-Expression von Neuropeptid Y (NPY) im Nucleus arcuatus des Hypothalamus vermindert und die neuronale Aktivität sowie NPY-Expression im paraventrikulären Thalamus (PVT) moduliert — einem Areal, das bei chronischem Stress erhöhte NPY-Spiegel aufweist (Nan et al., 2024). Dies deutet auf eine über klassische Monoamin-Mechanismen hinausgehende Wirkkomponente hin, deren klinische Relevanz für ADHS jedoch aus den vorliegenden Quellen nicht eindeutig bestimmbar ist.
Als TCA teilt Imipramin mit strukturell verwandten Substanzen wie Amitriptylin die Eigenschaft, durch seine Wirkung auf mehrere Neurotransmittersysteme ein breites pharmakologisches Profil zu entfalten, das über reine Reuptake-Hemmung hinausgeht (Czerniak et al., 2025). Klinisch relevant ist zudem, dass Imipramin in vivo zu Desipramin metabolisiert wird, einem selektiveren NET-Inhibitor — die beobachteten therapeutischen Effekte bei ADHS-Symptomen wie motorischer Hyperaktivität sind somit teilweise auf diesen aktiven Metaboliten zurückzuführen (Jafarinia et al., 2012; Gualtieri et al., 1991). Die Datenlage zur präzisen Quantifizierung der Transporter-Okkupanz von Imipramin beim Menschen im therapeutischen Dosisbereich ist auf Basis der hier verfügbaren Quellen begrenzt; verlässliche Angaben zu IC₅₀-Werten oder prozentualer Rezeptorbesetzung in vivo lassen sich aus den bereitgestellten Studien nicht ableiten.
Evidenz bei ADHS
Die verfügbare direkte Evidenz für Imipramin bei ADHS ist in den analysierten Quellen stark begrenzt. Im klinischen Kontext der Enuresis-Behandlung bei Kindern wurden Verhaltensnebeneffekte unter Imipramin beschrieben: Betroffene wurden ruhiger und zeigten verbesserte Konzentration (Ghanizadeh & Haghighat, 2012). Diese Beobachtungen entstammen jedoch keinen prospektiv geplanten ADHS-Studien, sondern stellen unsystematische Nebenbeobachtungen dar. Trizyklika einschließlich Imipramin gelten entsprechend als Drittlinientherapie (Ghanizadeh & Haghighat, 2012), nicht als Erstbehandlung.
Dedizierte randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) oder Meta-Analysen mit Imipramin als primärer ADHS-Intervention finden sich in den vorliegenden Quellen nicht. Die Netzwerk-Meta-Analyse von Cortese et al. (2018) in The Lancet Psychiatry, welche Wirksamkeitsdaten mehrerer ADHS-Substanzen gegenüber Placebo anhand von Kliniker-, Eltern- und Selbstbeurteilungen auswertete (Cortese et al., 2018), führt Imipramin nicht als explizit analysierte Substanz. Elliott et al. (2020) fassten in einer systematischen Übersicht 98 % der eingeschlossenen RCTs als placebokontrolliert zusammen und listeten als untersuchte Interventionen Methylphenidat, Atomoxetin, Amphetaminsalze, Bupropion, Dexamfetamin, Lisdexamfetamin, Guanfacin und Modafinil auf (Elliott et al., 2020) – Imipramin erscheint dort nicht. Übergreifend erzielten ADHS-Pharmakotherapien gegenüber Placebo eine statistisch signifikante, wenn auch kleine Verbesserung der patientenseitig berichteten klinischen Response (Elliott et al., 2020); gesondert ausgewiesene Effektgrößen oder NNT-Werte für Imipramin lassen sich daraus nicht ableiten.
Im breiteren Kontext der Substanzklasse zeigten Non-Stimulantia in systematischen Übersichten eine bessere Akzeptanz als Placebo (Ferrán et al., 2017), wenngleich dies auf sehr niedriger Evidenzqualität beruht. Für Trizyklika allgemein wurden in placebokontrollierten Designs heterogene Verträglichkeitsprofile dokumentiert (Boaden et al., 2020). Konkrete Subgruppenanalysen nach ADHS-Kernsymptomen – Unaufmerksamkeit versus Hyperaktivität/Impulsivität – sowie Responderraten oder Konfidenzintervalle spezifisch für Imipramin sind aus den verfügbaren Quellen nicht ableitbar. Die Datenlage ist für eine abschließende evidenzbasierte Einordnung zu dünn; belastbare klinische Schlussfolgerungen zur Wirksamkeit von Imipramin bei ADHS setzen dedizierte RCTs voraus, die in der analysierten Literatur nicht vorliegen.
Dosierung
Die in den bereitgestellten Quellen verfügbaren Dosierungsdaten zu Imipramin sind ausgesprochen lückenhaft. Keine der vorliegenden Studien untersuchte Imipramin-spezifische Titrationsregime im ADHS-Kontext direkt; entsprechende Zahlen zu Startdosis, Zieldosis oder Dosierungsintervallen lassen sich aus dem vorliegenden Quellenkorpus nicht evidenzbasiert ableiten. Diese Datenlage steht im Einklang mit der bereits im Abschnitt Evidenz beschriebenen Drittlinienstellung des Wirkstoffs (Ghanizadeh & Haghighat, 2012): Substanzen ohne dedizierte ADHS-Dosierungsstudien verfügen naturgemäß über keine konsolidierten Titrationsempfehlungen.
Für die Substanzklasse der trizyklischen Antidepressiva (TCA), zu der Imipramin gehört, sind regelmäßige EKG-Kontrollen ein standardisiertes Sicherheitselement; entsprechende Protokolle sehen EKG-Ableitungen zu Studienbeginn (Screening, Baseline) und am Studienende vor (Wigal et al., 2009). Dieses Monitoring ist klinisch besonders relevant, da TCAs als Klasse die kardiale Reizleitung beeinflussen können. Für das strukturell verwandte Desipramin – das in der ADHS-Forschung erheblich besser dokumentiert ist und einen eigenen Artikel erhält – beschreiben Studien ein über mehrere Wochen schrittweise gesteigertes Dosierungsschema, bei dem die Zieldosis erst in der fünften Woche erreicht wurde (Jafarinia et al., 2012; Gualtieri et al., 1991); ob dieses Muster auf Imipramin übertragbar ist, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht ableiten. Ebenso zeigen TCA-Daten aus dem ASD-Kontext, dass tolerabilitätsbezogene Endpunkte wie Sedierung und Aktivitätsniveau für trizyklische Substanzen klinisch relevant sind (Boaden et al., 2020), was grundsätzlich für eine vorsichtige, einschleichende Dosierung spricht.
Zusammenfassend gilt: Die Datenlage erlaubt für Imipramin keine belastbaren quantitativen Aussagen zu Dosierung oder Pharmakokinetik im ADHS-Kontext. Für klinische Entscheidungen sind Fachinformation und substanzspezifische Pharmakologieliteratur heranzuziehen, die über den Rahmen des hier analysierten Evidenzkorpus hinausgehen.
Nebenwirkungen
Die vorliegenden Quellen enthalten keine direkten, imipramin-spezifischen Nebenwirkungsdaten aus kontrollierten Studien – ein Befund, der die bereits im Abschnitt zur Evidenzlage beschriebene Forschungslücke widerspiegelt. Indirekte Hinweise auf TCA-Klasseneffekte liefert eine systematische Übersichtsarbeit zu neuropsychiatrischen Behandlungen: Unter Tianeptin, ebenfalls einem trizyklischen Wirkstoff, wurde eine signifikant erhöhte Schläfrigkeit (p = 0,022) sowie eine verringerte Aktivität (p = 0,029) beobachtet; für Clomipramin, ein weiteres TCA, ergab sich hingegen kein statistisch bedeutsamer Unterschied zur Placebogruppe im Auftreten unerwünschter Ereignisse (Boaden et al., 2020). Eine direkte Übertragung dieser Befunde auf Imipramin ist aus methodischen Gründen nicht statthaft, da Trizyklika trotz struktureller Verwandtschaft unterschiedliche Rezeptoraffinitäten aufweisen. Dass die kardiale Reizleitungsüberwachung mittels EKG eine Klassenanforderung für TCAs darstellt, ist bereits im Abschnitt zur Dosierung dokumentiert. Studienabbrecherquoten speziell unter Imipramin bei ADHS lassen sich aus den vorliegenden Quellen nicht ableiten; vergleichende Netzwerkanalysen zu ADHS-Medikamenten, etwa bei Elliott et al. (Elliott et al., 2020) und Ferrán et al. (Ferrán et al., 2017), schließen Imipramin nicht als eigenständige Intervention ein, sodass eine Einordnung der Verträglichkeit im Vergleich zu Erst- und Zweitliniensubstanzen anhand dieser Daten nicht möglich ist. Die Datenlage zu Nebenwirkungen von Imipramin bei ADHS muss daher als unzureichend bewertet werden; klinische Entscheidungen sollten sich auf die allgemeinen Fachinformationen und die TCA-übergreifende Sicherheitsliteratur stützen.
Wechselwirkungen
Direkte pharmakologische Wechselwirkungsdaten für Imipramin im ADHS-Kontext sind in den verfügbaren Quellen nicht vorhanden; das Folgende stützt sich daher auf klassenbezogene Evidenz trizyklischer Antidepressiva sowie auf Ausschlusskriterien kontrollierter Studien, die indirekt auf klinisch relevante Interaktionsbereiche hinweisen.
Kardiovaskulär aktive Substanzen. Trizyklische Antidepressiva wie Desipramin bewirken messbare Blutdruckanstiege: In einer kontrollierten Studie erhöhten alle untersuchten TCA-Gruppen den diastolischen Blutdruck um 4 mmHg morgens und 7 mmHg nachmittags im Vergleich zu Placebo (p < 0,001) (Jafarinia et al., 2012). Die Kombination mit anderen blutdruckwirksamen Substanzen – insbesondere Antihypertensiva oder Alpha-2-Agonisten wie Clonidin – ist daher risikobehaftet. Entsprechend schließen klinische Studien gleichzeitige Gabe von Antihypertensiva und Clonidin explizit aus ihren Protokollen aus (Wigal et al., 2009).
Serotonerg und noradrenerg aktive Komedikation. Imipramin hemmt sowohl NET als auch SERT; die Kombination mit anderen serotonergen oder noradrenergen Substanzen birgt das Risiko pharmakodynamischer Summationseffekte. Klinische Studien schließen daher Norepinephrin-Wiederaufnahmehemmer sowie weitere Antidepressiva als Begleitmedikation grundsätzlich aus (Wigal et al., 2009). Dieses breitgefächerte Interaktionsprofil ist auf die nicht-selektive Rezeptorwirkung von Imipramin zurückzuführen, die neben Noradrenalin auch Histamin- und Azetylcholinrezeptoren beeinflusst (Wilens et al., 1996).
Suizidalitätsrisiko in der Kombination. Eine Netzwerkanalyse identifizierte Venlafaxin als Substanz mit signifikant erhöhtem Suizidalitätsrisiko im Vergleich zu Placebo (OR 0,13, 95 % CrI 0,00–0,55) sowie im Vergleich zu Imipramin und vier weiteren Antidepressiva (Boaden et al., 2020). Dies zeigt, dass Imipramin als Referenzpunkt in Sicherheitsvergleichen fungiert, ohne jedoch selbst als sicher in der Komedikation ausgewiesen zu sein.
Psychostimulanzien. Klinische Studien schließen Stimulanzien und sedierende Antihistaminika für mindestens sieben Tage vor Studienbeginn als Begleitmedikation aus (Wigal et al., 2009); dieser Ausschluss spiegelt pharmakodynamische Interaktionspotenziale wider, ohne dass für Imipramin spezifische Kombinationsdaten vorliegen.
Komorbiditäten. Für TCA-Klasse-Substanzen wie Desipramin liegen Daten bei Kindern mit Tic-Störungen und komorbider ADHS vor – ein 6-wöchiges doppelblindes placebo-kontrolliertes Parallelgruppendesign mit 41 Teilnehmern untersuchte Verträglichkeit und Wirksamkeit (Spencer et al., 2002). Methodisch ist eine direkte Übertragung auf Imipramin nicht zulässig, da Imipramin und Desipramin trotz struktureller Verwandtschaft unterschiedliche Rezeptoraffinitäten aufweisen.
Die Datenlage zu direkten Imipramin-Wechselwirkungen ist in den verfügbaren Quellen lückenhaft. Klinische Vorsicht ist insbesondere bei kardiovaskulär aktiver Komedikation, bei gleichzeitiger Gabe serotonerger Substanzen sowie bei vorbestehenden Herzrhythmusstörungen geboten – letztere stellen eine bekannte Klassenkontraindikation für trizyklische Antidepressiva dar, für die in den hier ausgewerteten Studien allerdings keine imipraminspezifischen Daten berichtet werden (Boaden et al., 2020).
Besondere Patientengruppen
Für Kinder stellt Imipramin die am besten dokumentierte Untergruppe dar, obwohl die Evidenz nicht aus ADHS-Primärstudien stammt: In pädiatrischen Enuresis-Studien wurden neben der Blasenwirkung konsistent positive Verhaltenseffekte bei Kindern beobachtet – sie verhielten sich ruhiger und zeigten bessere Konzentration (Ghanizadeh & Haghighat, 2012). Diese Nebenbeobachtungen begründen das klinische Interesse an Imipramin bei ADHS im Kindesalter, bilden jedoch keine ausreichende Evidenzbasis für eine systematische Therapieempfehlung. Als strukturell eng verwandtes TCA liefert Desipramin die direkteste Vergleichsgröße: In einem sechswöchigen RCT mit 41 Kindern und Jugendlichen mit Tourette-Störung und komorbider ADHS erwies sich Desipramin als wirksam und verträglich (Spencer et al., 2002). Eine herausgehobene Sicherheitsanforderung für alle TCAs bei Minderjährigen betrifft das kardiovaskuläre System: In kontrollierten Studien mit trizyklischen Antidepressiva bei Kindern und Adoleszenten wurden Blutdruckanstiege von 4 mmHg (morgens) bis 7 mmHg (nachmittags) diastolisch gegenüber Placebo dokumentiert (Jafarinia et al., 2012; Gualtieri et al., 1991), und weitere kardiovaskuläre Effekte wie Tachykardie, Arrhythmien und EKG-Auffälligkeiten wurden systematisch erfasst (Leonie et al., 2017). Bezüglich Suizidalität zeigen Netzwerkanalysen zu Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen, dass einzelne Substanzen – insbesondere Venlafaxin – signifikant erhöhte Raten suizidalen Verhaltens aufweisen (Boaden et al., 2020); für Imipramin liegen keine separaten Risikodaten in dieser Population vor, doch die Klassenwarnung für Antidepressiva bei Minderjährigen gilt uneingeschränkt (Boaden et al., 2020).
Für Erwachsene fehlen imipraminspezifische Subgruppendaten nahezu vollständig. Die neurobiologische Datenlage legt altersabhängige Unterschiede nahe: Die kortikale Reifeverzögerung bei ADHS ist im Kindesalter ausgeprägter als bei Erwachsenen, was auf unterschiedliche Ansprechmuster hinweisen könnte, obwohl dies für Imipramin nicht direkt untersucht wurde (Hoogman et al., 2019). In epidemiologischen Verschreibungsanalysen stieg die Prävalenz der ADHS-Medikation bei erwachsenen Männern und Frauen zwischen 25 und 45 Jahren um das 4,2- bzw. 6,5-fache im Beobachtungszeitraum an (McCarthy et al., 2012), was die wachsende klinische Relevanz der Erwachsenengruppe unterstreicht – wenngleich diese Daten Methylphenidat und nicht Imipramin betreffen.
Geschlechtsunterschiede bei Imipramin sind aus den verfügbaren Quellen nicht direkt ableitbar. Cortese et al. (2018) konnten in ihrer Netzwerkmetaanalyse den Einfluss des Geschlechts auf Wirksamkeit und Verträglichkeit von ADHS-Medikamenten generell nicht untersuchen, da die Datenlage zu spärlich war (Cortese et al., 2018). Längerfristige Verlaufsdaten zeigen, dass weibliches Geschlecht in einigen Studien mit schlechteren Outcomes assoziiert ist, möglicherweise bedingt durch den häufigeren vorwiegend unaufmerksamen Subtyp bei Frauen, der zu späterer Diagnose führt (Pan & Yeh, 2017). Für Frauen im reproduktionsfähigen Alter ist zudem die Interaktion zwischen Menstruationszyklus und Symptomausprägung klinisch relevant: Empfehlungen zur Begleitung von Frauen mit ADHS sehen eine tägliche Symptomverfolgung über mindestens zwei Monate sowie die Erfassung der aktuellen Zyklusphase vor (Sarah et al., 2021); in der Lutealphase kann eine Dosisanpassung von Stimulanzien erwogen werden, wobei dies ausdrücklich nicht als Ersatz für SSRIs bei depressiven Symptomen oder bei komorbider PMDD gilt (Sarah et al., 2021). Ob und wie diese Überlegungen auf Imipramin übertragbar sind, ist aus keiner der verfügbaren Quellen direkt belegbar.
Bei Männern ist zu beachten, dass adrenerg wirksame Substanzen durch Desensibilisierung sympathischer Adrenorezeptoren potenziell die Ejakulation und Samenblasenentleerung beeinträchtigen können; bei bereits reduzierter totaler motiler Spermienzahl wäre dies klinisch relevant (Bieś et al., 2025). Für Imipramin liegen hierzu keine spezifischen Daten vor, jedoch ist der noradrenerge Wirkmechanismus der Substanz in diesem Kontext zu berücksichtigen.
Komorbide Störungen beeinflussen den Therapieerfolg nachweislich: In Studien zu verwandten Substanzen hatten Responder typischerweise weniger Komorbiditäten (1–2) als Nicht-Responder (2–3) (Jafarinia et al., 2012). Bei psychiatrischen Komorbiditäten ist die Verordnungsrate von Psychopharmaka insgesamt deutlich erhöht, insbesondere bei jüngeren Kindern (Birmaher & Brent, 2007). Für ältere Patientinnen und Patienten sowie für Schwangere existieren in den verfügbaren Quellen keine Imipramin-spezifischen Daten; die für TCAs generell geltenden Risiken – kardiale Leitungsstörungen, anticholinerge Effekte und das ungeklärte fetale Risikoprofil – sind aus der Fachliteratur bekannt, können aber auf Basis der vorliegenden Quellen nicht quantifiziert werden.
Quellen
- Bieś, R., Szewczyk, Z., Warchala, A., Martyniak, E., & Krzystanek, M. (2025). The Impact of Methylphenidate on Sexual Functions: A Systematic Review of Benefits and Risks. Pharmaceuticals, 18(5). https://doi.org/10.3390/ph18050718
- Birmaher, B. & Brent, D. A. (2007). Practice Parameter for the Assessment and Treatment of Children and Adolescents With Depressive Disorders. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 46(11), 1503-26. https://doi.org/10.1097/chi.0b013e318145ae1c
- Boaden, K., Tomlinson, A., Cortese, S., & Cipriani, A. (2020). Antidepressants in Children and Adolescents: Meta-Review of Efficacy, Tolerability and Suicidality in Acute Treatment. Frontiers in psychiatry, 11, 717. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2020.00717
- Cortese, S., Adamo, N., Del Giovane, C., Mohr-Jensen, C., Hayes, A. J., Carucci, S., Atkinson, L. Z., Simonoff, E., Zuddas, A., Barbui, C., & Cipriani, A. (2018). Comparative efficacy and tolerability of medications for attention-deficit hyperactivity disorder in children, adolescents, and adults: a systematic review and network meta-analysis. The Lancet Psychiatry, 5(9), 727-738. https://doi.org/10.1016/S2215-0366(18)30269-4
- Czerniak, P., Buszek, J., Medygrał, M., Koszuta, P., Dydoń-Pikor, M., Pajdak-Gicala, K., Kawecki, M., Antoszewska, A., Bargiel, W., & Buszek, S. (2025). Use of amitriptyline, bupropion and agomelatine in the treatment of non-depressive disorders: a review of mechanisms and therapeutic indications. Quality in Sport. https://doi.org/10.12775/qs.2025.39.58924
- Elliott, J., Johnston, A., Husereau, D., Kelly, S. E., Eagles, C., Charach, A., Hsieh, S., Bai, Z., Hossain, A., Skidmore, B., Tsakonas, E., Chojecki, D., Mamdani, M., & Wells, G. A. (2020). Pharmacologic treatment of attention deficit hyperactivity disorder in adults: A systematic review and network meta-analysis. PloS one, 15(10), e0240584. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0240584
- Ferrán, C., Brian, H., Amparo, N., Page Matthew, J., Manuel, R., Diego, M. S., Catalá Miguel, A., Rafael, T., & David, M. (2017). The pharmacological and non-pharmacological treatment of attention deficit hyperactivity disorder in children and adolescents: A systematic review with network meta-analyses of randomised trials. PloS one, 12(7), e0180355. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0180355
- Ghanizadeh, A. & Haghighat, R. (2012). Nortriptyline for treating enuresis in ADHD—a randomized double-blind controlled clinical trial. Pediatric Nephrology. https://doi.org/10.1007/s00467-012-2211-z
- Gualtieri, T., Keenan, P., & Chandler, M. (1991). Clinical and neuropsychological effects of desipramine in children with attention deficit hyperactivity disorder. Journal of clinical psychopharmacology. https://doi.org/10.1097/00004714-199106000-00002
- Hansen, J. Y., Shafiei, G., Markello, R. D., Smart, K., Cox, S. M. L., Nørgaard, M., Beliveau, V., Wu, Y., Gallezot, J., Aumont, É., Servaes, S., Scala, S. G., DuBois, J. M., Wainstein, G., Bezgin, G., Funck, T., Schmitz, T. W., Spreng, R. N., Galovic, M., … Mišić, B. (2022). Mapping neurotransmitter systems to the structural and functional organization of the human neocortex. Nature Neuroscience, 25(11), 1569-1581. https://doi.org/10.1038/s41593-022-01186-3
- Hoogman, M., Muetzel, R. L., Guimaraes, J., Shumskaya, E., Mennes, M., Zwiers, M. P., Jahanshad, N., Sudre, G., Wolfers, T., Earl, E., Vila, J., Vives‐Gilabert, Y., Khadka, S., Novotny, S., Hartman, C. A., Heslenfeld, D. J., Schweren, L., Ambrosino, S., Oranje, B., … Louzã, M. R. (2019). Brain Imaging of the Cortex in ADHD: A Coordinated Analysis of Large-Scale Clinical and Population-Based Samples. American Journal of Psychiatry, 176(7), 531-542. https://doi.org/10.1176/appi.ajp.2019.18091033
- Jafarinia, M., Mohammadi, M. R., Modabbernia, A., Ashrafi, M., Delavar Kasmaei, H., Tabrizi, M., & Akhondzadeh, S. (2012). Bupropion versus methylphenidate in the treatment of children with attention-deficit/hyperactivity disorder: randomized double-blind study. Human Psychopharmacology: Clinical and Experimental, 27(4), 411-8. https://doi.org/10.1002/hup.2242
- John, P., Stacy, E., Andrew, U., Smith Abigail, A., James, E., Joseph, S., Faraone Stephen, V., & Yanli, Z. (2024). A Systematic Review of the Etiology and Neurobiology of Intermittent Explosive Disorder. medRxiv : the preprint server for health sciences. https://doi.org/10.1101/2024.09.12.24313573
- Leonie, H., Bakker Mireille, J., Tobias, B., Sara, C., David, C., Marina, D., Dittmann Ralf, W., Chris, H., Hanna, K., Suzanne, M., Peter, N., Edmund, S., Wong Ian C, K., Alessandro, Z., Eric, R., & Buitelaar Jan, K. (2017). Cardiovascular Effects of Stimulant and Non-Stimulant Medication for Children and Adolescents with ADHD: A Systematic Review and Meta-Analysis of Trials of Methylphenidate, Amphetamines and Atomoxetine. CNS drugs, 31(3), 199-215. https://doi.org/10.1007/s40263-017-0410-7
- McCarthy, S., Wilton, L., Murray, M. L., Hodgkins, P., Asherson, P., & Wong, I. C. K. (2012). The epidemiology of pharmacologically treated attention deficit hyperactivity disorder (ADHD) in children, adolescents and adults in UK primary care. BMC Pediatrics, 12, 78. https://doi.org/10.1186/1471-2431-12-78
- Nan, S., Zhenhong, L., Yan, G., Shanshan, L., Shenglian, Y., & Chao, Y. (2024). NAc-DBS corrects depression-like behaviors in CUMS mouse model via disinhibition of DA neurons in the VTA. Molecular psychiatry, 29(5), 1550-1566. https://doi.org/10.1038/s41380-024-02476-x
- Pan, P. & Yeh, C. (2017). Comparative efficacy and safety of methylphenidate and atomoxetine for attention-deficit hyperactivity disorder in children and adolescents: Meta-analysis based on head-to-head trials. Journal of Psychiatric Research, 39(9), 854-865. https://doi.org/10.1016/j.jpsychires.2016.11.017
- Sarah, K., Quednow Boris, B., Linda, L. A., McNeill Rhiannon, V., & Andreas, R. (2021). Parental ADHD in pregnancy and the postpartum period - A systematic review. Neuroscience and biobehavioral reviews, 124, 63-77. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2021.01.002
- Spencer, T., Biederman, J., Coffey, B., Geller, D., Crawford, M. H., Bearman, S., Tarazi, R., & Faraone, S. (2002). A double-blind comparison of desipramine and placebo in children and adolescents with chronic tic disorder and comorbid attention-deficit/hyperactivity disorder. Archives of general psychiatry. https://doi.org/10.1001/ARCHPSYC.59.7.649
- Wigal, S. B., Kollins, S. H., Childress, A., Squires, L., & Squires, L. (2009). A 13-hour laboratory school study of lisdexamfetamine dimesylate in school-aged children with attention-deficit/hyperactivity disorder. Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health, 3(1), 17. https://doi.org/10.1186/1753-2000-3-17
- Wilens, T., Biederman, J., Prince, J. B., Spencer, T., Faraone, S., Warburton, R., Schleifer, D., Harding, M., Linehan, C., & Geller, D. A. (1996). Six-week, double-blind, placebo-controlled study of desipramine for adult attention deficit hyperactivity disorder. The American journal of psychiatry. https://doi.org/10.1176/AJP.153.9.1147
- Zhou, J. (2004). Norepinephine transporter inhibitors and their therapeutic potential. Drugs of the Future, 29(12), 1235-1244. https://doi.org/10.1358/dof.2004.029.12.855246