Desipramin
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Desipramin
Überblick
Desipramin ist ein trizyklisches Antidepressivum, das bei ADHS eingesetzt wird, weil es die Wiederaufnahme von Noradrenalin im Gehirn hemmt und damit die Signalübertragung in Aufmerksamkeits- und Impulskontrollnetzwerken verstärkt. Klinische Studien belegen eine Wirksamkeit sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Erwachsenen mit ADHS, wobei die Evidenzbasis im Vergleich zu Stimulanzien überschaubar bleibt und sich auf einzelne randomisierte Studien stützt. Zu beachten sind vor allem kardiovaskuläre Nebenwirkungen wie messbare Blutdruckanstiege sowie anticholinerge Effekte, die eine sorgfältige Überwachung erfordern. Offen bleibt, wie Desipramin im direkten Vergleich mit moderneren Nicht-Stimulanzien wie Atomoxetin abschneidet und welche Patientengruppen – etwa Personen mit komorbiden Tic-Störungen oder Angsterkrankungen – besonders profitieren könnten. Auch die langfristige Sicherheit und die optimale Dosierung über verschiedene Altersgruppen hinweg sind bislang unzureichend untersucht.
Wirkmechanismus
Desipramin gehört zur Klasse der trizyklischen Antidepressiva und wird pharmakologisch als noradrenerges Agens charakterisiert (Spencer et al., 2002; Wilens et al., 1996). Sein zentraler Wirkmechanismus besteht in der Hemmung des Norepinephrin-Transporters (NET), eines in der Plasmamembran noradrenerger Neurone lokalisierten Proteins, das synaptisch freigesetztes Norepinephrin (NE) wieder aufnimmt (Zhou, 2004). Da der NET die primäre Inaktivierungsroute noradrenerger Signalübertragung darstellt (Zhou, 2004), führt dessen Blockade zu einer Akkumulation von NE im synaptischen Spalt und damit zu einer verstärkten postsynaptischen Signalwirkung.
Im Kontext der ADHS-relevanten Neurobiologie ist bedeutsam, dass der NET eine stabile und räumlich spezifische Verteilung im Kortex zeigt und funktionell mit kognitiven Prozessen wie Aufmerksamkeitsfixierung, Planung und Fertigkeitserwerb assoziiert ist – vorwiegend in unimodalen Hirnregionen (Hansen et al., 2022). Noradrenerge Systeme scheinen insbesondere für integrative Funktionen relevant zu sein, die eine Koordination über segregierte Hirnareale hinweg erfordern (Hansen et al., 2022). Zudem deuten Befunde zu noradrenerger Signalgebung darauf hin, dass der NET selbst unter basalen Bedingungen aktiv zur Regulation extrazellulärer NE-Konzentrationen beiträgt (Childress, 2024).
Desipramin ist dabei kein selektiver NET-Inhibitor: Wie bei anderen trizyklischen Antidepressiva bestehen zusätzliche Effekte auf Histamin- und Acetylcholinrezeptoren, und eine Beteiligung serotonerger Mechanismen wird in der Literatur diskutiert, ohne dass deren Beitrag zur ADHS-Wirksamkeit eindeutig belegt wäre (Wilens et al., 1996). Die Verfügbarkeit selektiverer NET-Inhibitoren wie Reboxetin oder Atomoxetin hat die pharmakologische Abgrenzung dieser Wirkmechanismen erleichtert (Zhou, 2004), legt jedoch nahe, dass die noradrenerge Komponente für die ADHS-relevante Wirkung von Desipramin zentral ist (Spencer et al., 2002). Klinisch äußern sich diese Mechanismen in einer Reduktion motorischer Hyperaktivität und einer Verbesserung des Verhaltens (Gualtieri et al., 1991; Ghanizadeh & Haghighat, 2012), wobei die präzise Zuordnung einzelner Effekte zu spezifischen Rezeptorprofilen auf Basis der vorliegenden Quellen nicht vollständig möglich ist.
Evidenz bei ADHS
Die klinische Evidenzbasis für Desipramin bei ADHS umfasst überschaubar viele, aber methodisch solide randomisierte kontrollierte Studien (RCTs), die sich auf zwei Alterskohorten verteilen: Kinder und Jugendliche einerseits sowie Erwachsene andererseits. Eine übergreifende Meta-Analyse speziell für Desipramin liegt auf Basis der verfügbaren Quellen nicht vor; die Evidenz stützt sich auf Einzelstudien.
Für Kinder und Jugendliche wurde Desipramin in mehreren placebo-kontrollierten Designs untersucht. Singer et al. (1995) prüften in einem doppelblinden, placebokontrollierten Crossover-Design die Wirksamkeit bei Kindern mit Tourette-Syndrom und komorbider ADHS (Singer et al., 1995). Spencer et al. (2002) schlossen 41 Kinder und Jugendliche mit chronischen Tic-Störungen und komorbider ADHS in einen 6-wöchigen, doppelblinden, placebokontrollierten Parallelgruppenversuch ein und prüften Desipraminhydrochlorid systematisch auf Wirksamkeit und Verträglichkeit (Spencer et al., 2002). In einem weiteren 6-wöchigen placebokontrollierten Versuch wurden 42 Kinder und 20 Jugendliche im Alter von 6 bis 17 Jahren eingeschlossen; die Dosierung wurde in den ersten fünf Wochen schrittweise nach Verträglichkeit gesteigert (Jafarinia et al., 2012; Gualtieri et al., 1991). Diese Studie dokumentierte auf dem 10-Punkte-Conners Teacher Rating Scale (CTRS) bereits an Tag 3 und Tag 14 eine statistisch signifikante Symptomverbesserung in der Desipramingruppe, während die Placebogruppe keine Verbesserung zeigte (p = 0,003) (Jafarinia et al., 2012; Gualtieri et al., 1991). Auch die mittlere wöchentliche Bewegungsaktivität im Unterricht nahm unter Desipramin signifikant ab (Jafarinia et al., 2012; Gualtieri et al., 1991). Für die kognitive Dimension der Aufmerksamkeit ergibt sich jedoch ein differenzierteres Bild: Kommissionsfehler, Auslassungsfehler und Interstimulus-Intervalle im modifizierten Continuous Performance Test (CPT) nach Rosvold – einem Maß für Daueraufmerksamkeit und Vigilanz – zeigten keine statistisch signifikanten Veränderungen (Jafarinia et al., 2012; Gualtieri et al., 1991). Desipramin wirkt demnach besonders auf hyperaktiv-motorische Kernsymptome, weniger ausgeprägt auf die Daueraufmerksamkeit.
Für Erwachsene mit ADHS führten Wilens et al. (1996) eine 6-wöchige, randomisierte, placebokontrollierte Parallelgruppenstudie mit 41 Patienten durch; die Zieldosis betrug 200 mg täglich (Wilens et al., 1996). Der Einschluss von Erwachsenen war zum damaligen Zeitpunkt bemerkenswert, da die überwiegende Mehrzahl kontrollierter pharmakologischer Studien zu ADHS in jener Ära auf Psychostimulanzien fokussiert war (Wilens et al., 1996). Die Befunde aus früheren pädiatrischen Studien wurden dabei als Vorlage herangezogen, um die Wirksamkeitshypothese auf Erwachsene zu übertragen (Wilens et al., 1996).
Konkrete Effektgrößen (Cohen’s d) oder Number-Needed-to-Treat (NNT)-Werte für Desipramin lassen sich aus den vorliegenden Quellen nicht entnehmen; die Datenlage ist in dieser Hinsicht begrenzt. Auch direkten Vergleichen mit Placebo auf dimensionalen Ratingskalen in Form von Least-Squares-Means oder standardisierten Differenzen fehlen vollständige Angaben in den zitierten Quellen. Indirekt liefert eine breite Netzwerk-Meta-Analyse Hinweise darauf, dass ADHS-Pharmakotherapien gegenüber Placebo insgesamt eine kleine, aber statistisch signifikante Verbesserung in patientenberichteten klinischen Endpunkten erzielen (Elliott et al., 2020); ob Desipramin in dieser Analyse explizit enthalten war, lässt sich aus dem Quelltext nicht eindeutig ableiten.
Zusammenfassend existiert eine begrenzte, aber konsistente RCT-Evidenz für die Wirksamkeit von Desipramin bei ADHS – insbesondere hinsichtlich Hyperaktivität und Lehrerratings – sowohl bei pädiatrischen Populationen mit und ohne komorbide Tic-Störungen (Singer et al., 1995; Spencer et al., 2002) als auch bei Erwachsenen (Wilens et al., 1996). Die Abwesenheit von Meta-Analysen und standardisierten Effektgrößenangaben in den verfügbaren Quellen macht eine präzise quantitative Einordnung der Effektstärke jedoch schwierig.
Dosierung
Die in klinischen Studien untersuchten Dosierungen von Desipramin unterscheiden sich klar zwischen pädiatrischen und erwachsenen Patientengruppen. Bei Kindern mit ADHS und komorbiden Tic-Störungen wurde in einer doppelblinden, placebokontrollierten Untersuchung ein festes Schema von 25 mg viermal täglich – entsprechend 100 mg pro Tag – über jeweils sechswöchige Behandlungszyklen eingesetzt (Singer et al., 1995). Für Erwachsene mit ADHS wurde hingegen eine Zieldosis von 200 mg täglich angestrebt, die im Rahmen eines randomisierten, sechswöchigen Parallelgruppendesigns an 41 Patienten untersucht wurde (Wilens et al., 1996).
Das Prinzip einer schrittweisen Titration zieht sich durch mehrere Studienprotokolle: In einer sechswöchigen Studie mit 42 Kindern und 20 Jugendlichen (Altersrange 6–17 Jahre) wurde die Dosis für beide Gruppen – Verum und Placebo – über die ersten fünf Wochen nach individueller Verträglichkeit gesteigert, bevor in Woche 6 die Zieldosis erreicht wurde (Jafarinia et al., 2012; Gualtieri et al., 1991). Diese gewichtsadaptierte Hochtitrierung deutet auf ein mg/kg-basiertes Schema hin, wobei die exakten Milligramm-pro-Kilogramm-Zielwerte aus den vorliegenden Quelltexten nicht vollständig rekonstruierbar sind – die entsprechenden Zahlenwerte sind in den verfügbaren Auszügen unvollständig überliefert (Jafarinia et al., 2012).
Angaben zu Darreichungsformen beschränken sich auf die in den Studien verwendete orale Applikation; alternative Applikationswege werden in den vorliegenden Quellen nicht thematisiert. Pharmakokinetische Parameter wie Halbwertszeit, Wirkdauer oder Metabolisierungsweg (etwa CYP2D6-Polymorphismus) sind in den zur Verfügung stehenden Studienausschnitten nicht berichtet. Die Datenlage zur Dosierung ist somit auf wenige Studienprotokolle beschränkt: Evidenz für pädiatrische Dosierung stammt aus Singer et al. (Singer et al., 1995) sowie Jafarinia et al. (Jafarinia et al., 2012; Gualtieri et al., 1991), für Erwachsene aus Wilens et al. (Wilens et al., 1996) und Spencer et al. (Spencer et al., 2002). Systematische Dosisfindungsstudien oder Head-to-Head-Vergleiche verschiedener Dosierungsstufen liegen für Desipramin bei ADHS bislang nicht vor.
Nebenwirkungen
Das am besten quantifizierte Nebenwirkungssignal von Desipramin in kontrollierten ADHS-Studien betrifft den Blutdruck: In einer 6-wöchigen placebokontrollierten Studie mit 42 Kindern und 20 Jugendlichen (6–17 Jahre) wurden unter Desipramin diastolische Blutdruckanstiege von 4 mmHg morgens und 7 mmHg nachmittags gegenüber Placebo gemessen (p < 0,001) (Jafarinia et al., 2012; Gualtieri et al., 1991). Dieser Befund ist klinisch relevant und deckt sich mit dem pharmakologischen Profil der Substanz: Neben der noradrenergen Wiederaufnahmehemmung werden bei Desipramin auch Wirkungen auf Histamin- und Acetylcholinrezeptoren diskutiert (Wilens et al., 1996), die klassischerweise mit anticholinergen und kardiovaskulären Nebenwirkungen (Tachykardie, Mundtrockenheit, Obstipation) assoziiert sind.
Spencer et al. (2002) adressierten die Verträglichkeit von Desipramin bei 41 Kindern und Jugendlichen mit Tic-Störungen und ADHS explizit als primäres Studienziel neben der Wirksamkeit (Spencer et al., 2002); konkrete Abbruchraten oder Häufigkeitszahlen für einzelne Nebenwirkungen lassen sich aus dem verfügbaren Auszug jedoch nicht extrahieren. Gleiches gilt für die Erwachsenenstudie von Wilens et al. (1996) mit 41 Patienten bei einer Zieldosis von 200 mg täglich (Wilens et al., 1996). Auch Singer et al. (1995) lieferten keine im vorliegenden Material zugänglichen Häufigkeitsdaten zu unerwünschten Ereignissen (Singer et al., 1995).
Bemerkenswert ist, dass in mindestens einer Desipramin-Studie bei Kindern das Thema Suizidalität explizit nicht untersucht oder berichtet wurde (Jafarinia et al., 2012; Gualtieri et al., 1991) – eine relevante Leerstelle, da trizyklische Antidepressiva als Substanzklasse mit erhöhter kardiotoxischer Gefahr bei Überdosierung und potenziell erhöhtem Suizidrisiko in Verbindung gebracht werden.
Die Datenlage zu Langzeitnebenwirkungen ist ausgesprochen dünn: Alle identifizierten kontrollierten Studien hatten eine Laufzeit von lediglich 6 Wochen (Spencer et al., 2002; Wilens et al., 1996; Singer et al., 1995), sodass Aussagen zu chronischen kardialen Effekten (z. B. Verlängerung der QTc-Zeit), Gewichtsveränderungen oder hepatotoxischen Befunden aus der spezifischen ADHS-Evidenz für Desipramin nicht getroffen werden können. Systematische Erfassung von Abbruchraten und einer vollständigen Nebenwirkungsrate fehlt in den verfügbaren Quellenausschnitten. Insgesamt muss die Sicherheitsevidenz für Desipramin bei ADHS als lückenhaft und methodisch nicht ausreichend bewertet werden, um ein vollständiges Risikoprofil zu erstellen.
Wechselwirkungen
Die klinisch relevanten Wechselwirkungen von Desipramin sind in den verfügbaren Primärquellen nur partiell dokumentiert, was eine vollständige pharmakologische Einordnung erschwert. Das Wirkprofil des Medikaments legt jedoch mechanistisch begründete Risiken nahe: Desipramin beeinflusst nicht nur den Norepinephrin-Transporter, sondern greift nach vorliegenden Hinweisen auch in histaminerge und cholinerge Systeme ein (Wilens et al., 1996). Diese Mehrfachwirkung auf Neurotransmittersysteme erhöht das Potenzial für pharmakodynamische Interaktionen mit Substanzen, die dieselben Zielstrukturen adressieren.
Besonders relevant ist die kardiovaskuläre Dimension: Desipramin erhöht den diastolischen Blutdruck gegenüber Placebo um 4 mmHg morgens und 7 mmHg nachmittags (p < 0,001) (Jafarinia et al., 2012; Gualtieri et al., 1991). Diese Eigenschaft ist bei gleichzeitiger Einnahme antihypertensiver Medikamente klinisch bedeutsam, da Desipramin deren blutdrucksenkende Wirkung abschwächen könnte. Eine explizite Untersuchung dieser Kombination findet sich in den vorliegenden Quellen nicht.
Im Kontext der ADHS-Therapie bei Tourette-Syndrom wurde Desipramin mit Clonidin verglichen, jedoch nicht kombiniert eingesetzt (Singer et al., 1995). Daten zur Sicherheit einer Kombination dieser beiden noradrenergen Substanzen fehlen in den analysierten Studien vollständig. Die klinische Intuition – additive Blutdruckeffekte oder gegenseitige Antagonisierung – bleibt mangels Evidenz spekulativ.
Tricyclische Antidepressiva als Klasse, zu der Desipramin gehört, zeigen Hinweise auf unerwünschte Wirkungen auf die Blasenfunktion, wobei gleichzeitig behaviorale Beruhigungseffekte beschrieben wurden (Ghanizadeh & Haghighat, 2012). Bei Kindern mit ADHS und komorbider Enuresis sind solche Wechselwirkungsprofile bei der Medikamentenwahl zu berücksichtigen, auch wenn spezifische Daten zu Desipramin in dieser Indikation aus den vorliegenden Quellen nicht extrahierbar sind.
Präklinische Daten aus Tierversuchen weisen darauf hin, dass Ernährungsfaktoren – konkret eine hochkalorische Diät – das pharmakologische Ansprechen auf Desipramin beeinflussen können: Im Hochfettdiät-Arm zeigte sich ein signifikanter Haupteffekt der Diät (p = 0,006), während der Drogeneffekt und die Interaktion nicht signifikant waren (Kaczmarczyk et al., 2013). Die Übertragbarkeit auf den Menschen bleibt offen.
Die Datenlage zu spezifischen Desipramin-Interaktionen – etwa mit MAO-Hemmern, Serotonin-Wiederaufnahmehemmern oder anderen trizyklischen Antidepressiva – ist in den analysierten Studien nicht direkt adressiert (Wilens et al., 1996; Spencer et al., 2002). Klinische Entscheidungen zu Kombinationstherapien müssen sich daher auf allgemeine pharmakologische Prinzipien der TCA-Klasse und auf Fachinformationen stützen, nicht auf Desipramin-spezifische Wechselwirkungsstudien.
Besondere Patientengruppen
Die verfügbare Evidenz zu Desipramin konzentriert sich überwiegend auf Kinder und Jugendliche, was die historische Forschungsschwerpunktsetzung bei diesem Wirkstoff widerspiegelt. In einer kontrollierten Studie an 12 Kindern mit ADHS zeigten sich unter Desipramin neben der Symptomverbesserung auch neuropsychologische Nebeneffekte: ein kleiner, statistisch signifikanter Rückgang der motorischen Leistung sowie gleichzeitig eine Verbesserung des verbalen Langzeitgedächtnisses (Gualtieri et al., 1991). Die klinische Bedeutung des Motorikverlusts bleibt nach Einschätzung der Autoren begrenzt, stellt aber einen Befund dar, den Desipramin mit anderen trizyklischen Antidepressiva zu teilen scheint (Gualtieri et al., 1991). Das Cochrane-Review zu trizyklischen Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS bewertet die Gesamtevidenz für diese Wirkstoffklasse, darunter Desipramin, als grundsätzlich vorhanden, mahnt aber zugleich zur Vorsicht hinsichtlich unerwünschter Wirkungen (Otasowie et al., 2014).
Bei Erwachsenen liefert die randomisierte, placebokontrollierte Studie von Wilens et al. (1996) mit 41 Erwachsenen mit DSM-III-R-ADHS die einzige verfügbare kontrollierte Evidenz (Wilens et al., 1996). Damit ist die Datenlage für Erwachsene mit einer einzigen Studie deutlich schmaler als für die pädiatrische Altersgruppe. Für ältere Patienten sind den vorliegenden Quellen keine Daten zu entnehmen; diese Altersgruppe bleibt eine wesentliche Forschungslücke.
Eine klinisch besonders relevante Subgruppe sind Kinder und Jugendliche mit komorbiden chronischen Ticstörungen einschließlich Tourette-Syndrom, für die Desipramin in zwei kontrollierten Studien gezielt untersucht wurde (Singer et al., 1995; Spencer et al., 2002). Da Psychostimulanzien bei dieser Gruppe das Ticgeschehen potenziell verstärken können, stellt Desipramin hier eine alternativen Therapieoption dar (Spencer et al., 2002).
Zu Geschlechtsunterschieden in Wirksamkeit oder Verträglichkeit von Desipramin spezifisch liegen aus den verfügbaren Quellen keine Daten vor. Allgemeine Verordnungsdaten zeigen, dass ADHS-Medikamente insgesamt häufiger bei männlichen als weiblichen Patienten verschrieben werden, wobei der Unterschied mit steigendem Alter abnimmt (McCarthy et al., 2012). Zyklusbedingte Schwankungen der ADHS-Symptomschwere und Behandlungsantwort, die für Psychostimulanzien beschrieben sind, wurden für Desipramin nicht systematisch untersucht (Sarah et al., 2021). Für eine Anpassung des Desipramin-Regimes an den Menstruationszyklus fehlt daher jede Evidenzgrundlage.
Zur Anwendung in der Schwangerschaft enthalten die vorliegenden Quellen keine direkten Daten. Eine Kohortenstudie untersuchte zwar den Zusammenhang zwischen Antidepressivaeinnahme während der Schwangerschaft und dem ADHS-Risiko beim Nachwuchs, konnte jedoch keinen unabhängigen kausalen Effekt nach Kontrolle familiärer Confounder nachweisen (Coghill & Banaschewski, 2009). Spezifische Daten zu Desipramin in der Schwangerschaft sind daraus nicht ableitbar.
Quellen
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